Marko Lulić – eine persönliche Annäherung

Text zur Ausstellung AUSSTELLEN. im Museum Folkwang, Essen

Unsre Heimat,

das sind nicht nur die Städte und Dörfer,

unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald.


Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese,

das Korn auf dem Feld und die Vögel in der Luft

und die Tiere der Erde und die Fische im Fluß

sind die Heimat.


Und wir lieben die Heimat, die schöne,

und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört,

weil sie unserem Volke gehört.

(Text: Herbert Keller, Komposition: Hans Naumilkat)

Ich habe diese Zeilen gesungen, in einem Land, das es nicht mehr gibt. 2011 stellte ich dieses Lied meiner Freundin vor, die in einem Land lebt, das es noch gibt.

Eine unspezifische Erinnerung brachte mich darauf. Eine Erinnerung an unterschwellige Propaganda: Wurde ich als singendes Kind benutzt und verbreitete gleichzeitig selbst Propaganda? Und wenn ich benutzt wurde – von wem? Von der staatlichen Gewalt?

Als Jungpionier der DDR trug ich eine Fantasieuniform in vermeintlich international-sozialistischer Einheitlichkeit, befolgte Fantasiegebote und war als Mitglied des Klassenrates verantwortlich für die Wandzeitung und die Pflege von Sukkulenten.
 Im Gespräch und in der Beschäftigung mit Marko Lulić im Jahr 2013 komme ich wieder auf dieses Lied. Lulićs Arbeiten stolpern durch die Welt, seine Welt, unsre Welt. Er ist Beobachter, Sprecher und Regisseur. „Stolpern“ meint dabei das Aufzeichnen und Bearbeiten, das Analysieren von Reibungsstellen, das Hängenbleiben.

Der Sozialismus hatte in den verschiedenen Staaten verschiedene Ausprägungen. Was bleibt, ist die Erfahrung eines diktatorischen Führungsstils, kommunistischer Überzeugungsarbeit und eines vom Volke ausgehenden Aufstands. Hinzuaddiert sich die Erfahrung der westlichen Welt – und das bewusst im Präsens: Es ist eine tägliche Auseinandersetzung, in einem anderen System zu leben. Ein Mäandern zwischen Kulturdenkmälern, Abrissen und Neubauten, Utopien und deren Ein- oder Nichteinlösung, Menschen aus verschiedenen Zeiten, Stasi und PRISM, Mauern und Schutzwällen, Schlupflöchern. Heute – eine Zeit der Gleichzeitigkeit: Neuaufbau der Frauenkirche in Dresden vs. Abriss des Palastes der Republik (eine Siegergeste?), Putin vs. Pussy Riot, Stephan Balkenhols Holzfiguren aus Pappel vs. Karl-Marx-Monument in Chemnitz, Ernst-Thälmann-Straße vs. Konrad-Adenauer-Ring vs. Kirchplatz vs. Siemensstraße vs. Feldweg vs. Einbahnstraße vs. Autobahn vs. Gleisbett.

Für die Ausstellung AUSSTELLEN hat Marko Lulić eine neue Arbeit realisiert: Auf einer roten Wand steht in weißer Schrift ausstehlen. Es ist hier ganz klar der Bezug zum Museum gewählt: Die Schrift ist im Schnitt der Hausschrift gehalten, Schrift- und Hintergrundfarbe tauschen ihren Platz, bleiben aber im Corporate Design des Museums. Was ist passiert? Das Museum Folkwang verlor durch das Naziregime einen großen Teil seiner Sammlung der klassischen Moderne – ein Deutungsstrang. Klauen die Kuratoren den Künstlern die Deutung ihrer Werke durch ihre Aufführungspraxis? Ist eine Arbeit verloren, weil sie ihre Interaktion konservatorischen Kriterien unterordnen muss, sobald sie einem musealen Kontext angehört? Welche Arbeit ist ohne Referenz? Wie eigenständig ist eine Form? 
Alles Fragen, die keiner beständigen Antwort unterliegen. Umso wichtiger, sie zu stellen. Danke Marko Lulić!